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Der beeindruckendste Augenblick der Karwoche
sowohl für die Inselbewohner, als auch
für die zahlreichen Touristen, die
jedes Jahr herbeieilen, ist sicher der Karfreitag.
Beim ersten Morgenlicht am Freitag vor Ostern
beginnt in der Tat die außerordentlich
berühmte Prozession der Mysterien,
die von der Laienbruderschaft der Turchini,
der “Dunkelblauen” (wegen der
Farbe ihrer Gewänder) organisiert wird,
welche 1629 von den Jesuiten gegründet
worden war. Bei dieser Veranstaltung ist
die gesamte Inselbevölkerung voll und
ganz eingebunden, sowohl in der Vorbereitungsphase
wie auch während der Durchführung.
Für alle Procidaner beginnt die Prozession
in Wirklichkeit schon Monate zuvor, sofort
nach Aschermittwoch. Junge und weniger junge
Leute finden sich in Gruppen zusammen, um
die Mysterien zu planen, plastische Darstellungen
von Szenen aus dem Leben und vom Tode Christi,
die von starken Armen getragen werden.
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Jede Gruppe
arbeitet selbständig in einem der vielen
Eingangsportale der Insel, die im procidanischen
Winter die wahren Treffpunkte des sozialen
Lebens werden. Alles vertraut auf Phantasie
und Kreativität. Am Tag der Prozession
tragen alle Teilnehmer (circa dreitausend)
den langen weißen “Saio”
und darüber die “Mozzetta”,
den kurzen azurblauen Umhang oder Mantel,
die in jeder procidanischen Familie sorgsam
aufbewahrt werden.
Der Prozessionszug beginnt in der kleinen
Piazza vor der Klosterkirche San Michele
Arcangelo (des Hl. Erzengel Michel) von
wo der älteste Mitbruder der “Turchini”
den sogenannten „Ruf“ der Mysterien
ausführt. Die Prozession wird eröffnet
mit einem markerschütternden Trompetenstoß,
erwidert von drei Trommelschlägen,
zur Erinnerung an die Klänge welche
die im antiken Rom zum Tode Verurteilten
begleiteten: Diesen „Ruf“ kann
man in der Nacht von Gründonnerstag
auf Karfreitag von jedem beliebigen Ort
der Insel aus hören und er wird die
religiöse Prozession während ihrer
gesamten Dauer begleiten, zusammen mit den
Noten des Trauermarsches der Musikkapelle.
Sofort danach folgen die Fahne mit der Aufschrift
SPQR (senatus popolusque Romanus, d.h. Senat
und römisches Volk), die Ketten (Symbol
der Gefangennahme Christi), die verschiedenen
Mysterien, entweder solche, die jedes Jahr
neu geschaffen werden oder andere, dauerhafte,
die im Kloster aufbewahrt werden.
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Den Abschluss der Prozession bilden die
Statue der Schmerzensreichen Madonna, gefolgt
von den Engelchen, das sind sehr kleine
Kinder, beinahe Neugeborene, die ein überaus
besonderes und wunderschönes schwarzes
und mit Gold besticktes Kleidchen tragen,
und der Statue des toten Christus, welcher
der “Pallio” vorangetragen wird:
Ein Trauerbaldachin, den Vertreter der procidanischen
Kriegsmarine tragen.
Die berühmte Holzstatue des toten Christus,
ein Werk des Neapolitanischen Bildhauers
Carmine Lantriceni (1728), wird bei der
Kirche San Tommaso aufbewahrt, wo die Bruderschaft
der „Turchini“ ihren Sitz hat.
Am Karfreitagmorgen wird sie, in Begleitung
einer Prozession von Gläubigen, die
das Miserere beten, zur Klosterkirche San
Michele Archangelo geführt, von wo
aus dann die Prozession ihren Anfang nimmt.
Die Prozession der Mysterien endet, nachdem
sie dem historischen Weg gefolgt ist, im
Hafen Marina Grande, während die Statue
des toten Christus und der Schmerzenreichen
Madonna wieder zur Klosterkirche San Michele
Arcangelo zurückgebracht werden, wo
am frühen Nachmittag die berühmte
religiose Zeremonie der Agonie abgehalten
wird. Im Laufe des Abends dann noch suggestivere
Momente, beim Fackelzug, der die Statue
der Schmerzenreichen Madonna und jene des
toten Christus wieder in “ihre”
Kirche San Tommaso zurück geleitet.
Der Karfreitag ist somit nicht nur eine
Prozession: Er ist die Choralartige Bewegung
eines Volkes, dessen Wurzeln in eine uralte
Vergangenheit zurückreichen. Alle procidanischen
Seefahrer, wo immer sie sich gerade in der
Welt aufhalten, erzählen, dass sie
am Karfreitag, von einer verzehrenden Melancholie
ergriffen, im Motorengeräusch ihres
Schiffes die Trompetenstöße der
Prozession hören.
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